Der Griff nach den Sternen: Die Flüssigkeitsrakete

Die Idee, zwei Flüsigkeiten unter hohem Druck in einen Brennraum zu injezieren, wo sie reagieren und heiße, hochgespannte Gase erzeugen, beim Austritt aus einer "Öffnung" das Triebwerk durch ihren Rückstoß in Bewegung setzten, ist sehr alt. Siehe Dampfmaschine, Aölsball. Ihre Umsetzung steht vor folgenden Problemen:

Das ehrgeizigste Projekt der Reichsrüstung war die Entwicklung dieser Fernrakete. Das Projekt wurde Ende der zwanziger Jahre in den Heeresversuchsanlagen Berlin begonnen, Leiter der Triebwerksentwicklung war Hauptmann Conrad Dannenberg. Einge Monate vor Hitlers Machtergreifung stieß der damals zwanzigjährige Freiherr Werner von Braun, später Wernher von Braun, zu diesem Projekt. Von Braun war damals schon begeisterter Raketenbauer, insbesondere die Flüssigkeitsrakete erschien ihm als das Mittel der Wahl zum Erreichen des Weltraums. Die Fernraketen wurden nach der erfolgreichen Entwicklung des Staustrahltriebwerkes die Hauptaufgabe der Raktengruppe unter Dannenberg. Entwicklungsziel war eine Waffe, deren Reichweite und Geschwindigkeit dem bis dahin modernsten Fortbewegungsmittel, dem Flugzeug, um Größenordnungen überlegen sein sollte. Das Flugzeug war langsam, verwundbar und bemannt, im Kampf entscheidende Nachteile, welche nun beseitigt werden sollten. Mit der Flügelbombe (engl Cruise Missile) wurde zunächst das Problem der Besatzung gelöst.
Der Antrieb war allerdings noch ungeeignet und sollte durch den wesentlich stärkeren kryogenen Raketenantrieb ersetzt werden. Die dabei auftretenden Probleme waren emminent und erforderten eine ganz neu Größenordnung der Grundlagenforschung. Dazu wurde bereits früh in den dreißiger Jahren die neue Heeresversuchsanlage Penemünde konzipiert. Hier arbeiteten tausende von Ingenieuren und Facharbeitern an Konzepten der Rakete. Für den Überschallflug mussten neue Bereiche der Aerodynamik erschlossen werden, hierfür wurden Windkanäle gebaut, die Windgeschwindigkeiten bis Mach 5 simulieren konnen.
Andere Gruppen lösten die Probleme der Antriebstechnik, wieder andere konstrierten die Gyroskoptechnik zur Flugbahnstabilisierung und Lenkung. Die Ballistik und der Zielanflug wurden von den ersten elektronischen Rechenmaschinen der Welt, den "Computern" berechnet, die extra für diesen Zweck hergestellt werden mussten.

Die Rakete erreichte mit einer Ladung von 1 Tonne Amatolsprengstoff bei einer Reichweite von 250-350km eine Flughöhe von etwa 100km. Sie flog bei einer Spitzengeschwindigkeit von 1600m/s das Ziel an und war damit erst kurz vor dem Einschlag auf dem Radar sichtbar. Visuell war die Rakete nur sehr schwer auszumachen, da in einer fünfstigstel Sekunde, der Einzelbildauflösung des Auges, immerhin 32m durchflogen werden. Die Rakete selber ist 14,3m lang.


(1) Der Angriff kam zu spät, denn die Entwicklungsarbeit zur A4 waren bereits beendet. Die A4, nun V2 genannt, wurde in bombensicheren Gewölben der Mittelwerke im Harz bald in Serienproduktion hergestellt. Im letzten Jahr wurden 3000 V2 und 10000 V1 Raketen abgefeuert. Wieauchimmer, der Krieg ging verloren und die Raketenleute emigrierten hauptsächlich in die USA. In der Tat waren von Braun und sein Team schneller in den USA wieder an der Arbeit als selbst hohe Offiziere aus Europa zurückkehrten. 1955 wurden alle zu Amerikanern gemacht.
Die Redstonerakete, die schließlich den ersten amerikanischen Satelliten beförderte, war die Umsetzung der A12, der Nachfolgerin der A4. Der Prototyp dieser Rakete wurde im Mai 1945 gesprengt worden. Der Technologievorsprung gegen Ende des Krieges betrug also ungefähr 20 Jahre, der Technologietransfer nach dem Kriege war der größte aller Zeiten der Geschichte.
Die Leute, die die Raketenwaffe entwickelten, standen schon bald bei den USA, England, Frankreich und Rußland in Dienst und vermittelten allen die Kenntnisse über den Bau der Rakete. Ähnliches könnte sich auch bei der Erfindung des Schwarzpulvers in Europa zugetragen haben. Allgemein läßt sich die Entwicklung der Rakete durchaus etwas mit dem Versuch-und-Irrtum Vorgehen in der Feuerwerkerei vergleichen.